VOM APOTHEKER UND DEM OCHSENMARTIN

Apotheker, das weiß man, sind studierte Leute. Der Ochsenmartin, das weiß man auch, studiert keine Bücher, sondern das Leben und den badischen Wein.

Am Samstag in der ersten Juniwoche, vor vielen Jahren, führte Martin seinen Ochsen Mani in aller Früh nach Achern. Beim Müller wartete eine ganze Wagenladung, voll feinst gemahlenem Korn darauf, abgeholt zu werden. Ob die warme Junisonne, ob die Backstube der Lotte oder ob die medizinischen Düfte aus der gegenüberliegenden Stadtapotheke Schuld an dem folgenden Geschehen war, läßt sich heute nicht mehr feststellen.

Sicher ist nur folgendes:

Auf seinem Weg zur Mühle, der mitten durch das zu dieser Zeit noch nicht von Asphalt und Ampeln verstellte Achern führte, blieb der Ochse Mani stehen

Auch dies wäre wohl kaum des Erzählens wert, wenn, ja wenn der Ochse nicht genau vor der Stadtapotheke stehen geblieben wäre. Trotz intensivsten Hü, Hott und manchen, hier nicht wiederzugebenden Geheimsprüchen, reagierte der Ochse nicht auf den guten Willen von Martin.

Nach einiger Zeit wurde dies dem Martin zu viel - er ging mit sich und einem oder mehreren Gläsern im nahegelegenen Ochsen zu Rate.

Die Mittagszeit war gekommen.

Mani aber stand noch auf seinem Platz, wie es eben nur ein sturer Ochse tun kann. Der Stadtapotheker hatte die Gewohnheit , mittags sein Mahl im Adler zu sich zu nehmen.

Der Weg dahin versperrte der Ochse Mani. Auf seinem Platz im Adler saß Martin und haderte mit sich und seinem Glas.

Diese zwei ungeheuerlichen Vorkommnisse beunruhigten den Stadtapotheker derart, daß er sofort Abhilfe schaffen wollte.

Er ging stante pede zurück in seine Apotheke und braute aus allerhand seltenen Pflanzen und komisch anzusehenden Pülverchen eine Salbe, mit der er die zwei, seinen Tagesablauf behinderten Probleme lösen wollte.

Unter großer Teilnahme der Acherner Bürger machte sich der Apotheker sofort an dem Ochsen zu schaffen: Zuerst rieb er den Schwanz mit der Salbe ein, dann strich er behutsam den Rest unter den Ansatz desselben. Was darauf passierte, wurde später unter dem Begriff "Stampede" in Amerika ein Begriff.

Wie die Acher bei Hochwasser suchte der Ochse seinen Weg durch die Stadt. Kein Zaun, kein Wagen und kein Acherner konnte oder wollte sich ihm in den Weg stellen.

Der für Achern damals noch neue Lärm, den der Ochse verursachte, trieb auch den Martin auf die Straße, um zu erkunden was für ein neuartiges Spektakel da geboten wurde.

So und genau so kam der Stadtapotheker wieder zu seinem Stammplatz im Adler.

Und weiter wird berichtet (hier liegen wohl Wahrheit und Dichtung eng beieinander), der Martin sei zum Apotheker gekommen und hätte ihn gebeten, auch für ihn, den Martin eine solche Salbe zu brauen, denn ohne diese geheimnisvolle Antriebs-Salbe, würde er seinen Ochsen wohl nie mehr erreichen.

Zu erwähnen ist noch, daß der Martin einige Jahre später, nach Mißernten und Hagel, mit einer Dose voll dieser seltsamen Salbe und seinem Mani nach Amerika ausgewandert ist.

Wie dem auch sei - der Stadtapotheker wurde seither nie mehr durch einen Ochsen an seinem Mittagstisch gehindert.

Heute, so erzählt man, würden ganze Pferdeherden in bunten Blechkleidern hin und wieder die Hauptstraße versperren - ob gegen diese Herden die Salbe hilft?

 

WIE DIE AMTLICHEN SCHÄTZER DEN SEBASTIAN SCHÄTZEN LERNTEN

In Achern und um Achern herum gibt es seit jeher die "Schätzer". Sie sind vom Bauamt beauftragt, die Schätzungen der zur Versteigerung oder zum Verkauf anstehenden Höfe und Häuser vorzunehmen.

Ein schöner Brauch, den alle rechtschaffenden Leute pflegten, bestand darin, den Schätzer, bevor sie mit der Arbeit begannen, mit einem Glas Chriesiwasser, einem Znüni am Vormittag, einem Zvieri am Nachmittag, oder falls sie über Mittag blieben, mit Grünkraut und feinem Speck, das Schätzen nicht zu schwer zu machen.

Es gab sich, daß am letzten Juni Montag die Schätzer auf dem Weg zum Sebastian waren.

Der Sebastian gehörte zu den wenigen, die diese Art des Schätzens wenig schätzten. Für ihn waren die Schätzer Tagediebe aus der Stadt.

Er wartete, bis die Schätzer ihre Aufzeichnungen, Protokolle und Pläne gemacht hatten. Danach lud er sie zu sich in die gute Stube ein. Voller Erwartung auf den "Schätzerlohn" schauten die zwei zu, wie der Sebastian ans Känsterle ging und zwei Gläser samt dazugehörender Schnapsflasche herausnahm, und auf den Tisch stellte.

Welch herbe Enttäuschung, als der Sebastian, kaum hatte er die beiden Fingerhut großen Gläser halb voll geschenkt, die Schnapsflasche wieder an ihren Platz zurück stellte.

Das war neu für die Schätzer. Also dachten sie nach - wie sie mit List und Tücke an ein zweites, vielleicht sogar ein drittes Glas Chriesiwasser herankommen könnten.

"Bürli! Hennt`r nit e Stick Schnur im Hus? fragte der eine Schätzer. Sebastian machte sich wohl Gedanken, wozu ein Stück Schnur beim Schätzen dienen könnte: "E Stickel Schnur würde, denk i da si. Mues sie dick oder dinn un wie läng soll sie si?" Der Schätzer stellte keine große Ansprüche: "E Bindafade duet`s. Un Länger als e Meter brucht`r au nit si." Das wiederum kan dem Sebastian etwas komisch vor. Er wollte jetzt doch genau wissen, wozu die Schnur gut sein sollte: "Hm", meinte der, "I mueß, bevor in trink, das klei Glas abinde, daß we`mr`s bim Trinke de Hals narutscht, i`s an dr Schnur widder ruffziege kann!"

Wo glauben Sie, griff der Sebastian nun hin?

DER ESEL UND DER RICHTER

Kaum war der Ochsenmartin weg aus Achern, drohte neues Unheil dem friedlichen Städtchen. Damals hatten Esel noch allgemein vier Beine. Sie dienten rechtschaffenen Bauersleuten und gewieften Händlern zum Ziehen der Fuhrwerke und Tragen der Lasten.

 

Von vier, der zu der damaligen Zeit in großer Zahl vorhandenen Acherner Eseln, handelt die nächste Geschichte:

Die zwei Esel vom Rosse-Franz, die eigentlich eine Nebenrolle spielen und die zwei Esel vom damaligen Direktor der mechanischen Bindfaden-Fabrik, die ungewollt die Hauptrolle spielten.

Am 15. Juni, 3 Tage nach dem schlimmen Gewittersturm, die Acher strudelte wieder ruhig dahin, als ob nie was gewesen wäre, saß ganz Achern noch der Schreck der letzten 2 Tage im Nacken.

Beim kleinsten Geräusch rannten Hühner, Katzen und Hunde auf die Straße, bei jedem Schlag vom Schmied schreckten die Frauen und Kinder. Achern war unruhig und gereizt.

Vielleicht waren auch die Esel vom Rosse-Franz durch die vergangenen Ereignisse gereizter als sonst, wir wissen es nicht. Jedenfalls stand an diesem Morgen dem Rosse-Franz sein Fuhrwerk gegenüber dem Amtsgericht, wo der Franz, wie immer um diese Zeit, seine Bio-Milch an die Städter verkaufte. Gleichzeitig fuhr dem Mechanischen-Bindfaden-Direktor seine Luxuskutsche, gezogen von prächtig dekorierten Eseln über den Platz.

Dieses unerwartete Wiedersehen mit den zwei edlen Eseln, veranlaßte die zwei Bauernesel vom Rosse-Franz zu lauten, bewundernden Ausrufen und Pfiffen, wie es eben nur Bauernesel tun können.

Der Amtsrichter, der sich gerade in der schwierigen Prozeßsache Achern gegen Acher durcharbeiten sollte, geriet durch den ungehobelten Schrei der Esel in Zorn.

Er sprang ans Fenster und schrie:

"Machen Sie, daß Sie mit Ihrem Viehzeugs wegkommen! Warum schreit denn das Tier überhaupt so entsetzlich?

Den Rosse-Franz ließ die höchstrichterliche Anfrage kalt.

"Wisse Sie, Herr Amtsgerichtsrat, meine Esel schreien nur, wenn sie einen anderen Esel sehen!" rief er hinüber und hörte nur noch, wie der Amtsrichter das Fenster zuknallte, was wiederum gut die Hälfte der Acherner Bürger auf die Straße trieb.

Daß der Herr Amtsrichter die Mechanische-Bindfaben-Direktors-Kutsche nicht gesehen hat - das hat auch keine Rolle mehr gespielt.

 

WIE DIE STEUERBEAMTEN DAS RENNEN LERNTEN

Ein Fässlein Wein ist für jeden Acherner ein wertvolles Gut. Ein "Akziser" war für jeden Acherner eine überflüssige Erscheinung. Akzisoren waren Beamte, die Zoll und Steuern einnahmen. Auch in Achern war der weise Spruch von Paulus wohl bekannt: gib dem Kaiser was dem Kaiser ist, nur die Auslegung dieser Weisheit machte und macht wohl heute noch einigen Kopfzerbrechen.

 Im Juni, vor ungefähr vielen Jahren spielte ein Akziser die Hauptrolle beim ersten Acherner-Stadtlauf.

Der Lotte-Beck, ein angesehener Bürger und Schwarzbrenner hatte gegenüber dem Ratskeller, (der heutigen Stadtapotheke) eine Bäckerei. Außerdem betrieb er eine ansehnliche Landwirtschaft.

Seine ganze Leidenschaft galt aber den edlen Gewächsen, die seine Verwandtschaft in Neuweier, gepreßt und in Fässer abgefüllt, in dunklen Kellern lagerte. Jedes Jahr besuchte er zu Fronleichnam die Verwandtschaft, überbrachte freundliche Grüße seiner Gattin um bald darauf wieder mit dem alten Dielenwagen zurück nach zu fahren. Begleitet wurde er auf seinem Heimweg von 2 gut gefüllten, runden Eichenfässern.

An eben diesem Fronleichnams-Tag wartete unser Akziser vor dem "wilden Mann" auf ein Opfer, d.h. auf einen unbescholtenen Acherner, der mit einem oder zweien Fässlein unversteuerten Weins vorbeikommen sollte. Der Wein mußte damals wie heute versteuert werden und Steuernsparen war frühe und ist heute ein beliebte Hobby der Acherner.

Unser Lotte-Beck, nicht gerade einer der Dümmsten, hatte den Akziser (in seiner grünen Uniform) rechtzeitig entdeckt.

Lotte-Beck tat, als ob er nichts gesehen hätte. Er "flitzte" seinen Braunen ein wenig, zog mit gespitzten Lippen kurz die Luft ein. Der Braune kannte diese Geräusche, deutete sie richtig und fiel in einen leichten Trab, so daß der Akziser gar nicht dazu kam, den Lotte-Beck mit seinem Fuhrwerk anzuhalten.

Nur kurz, für einen Augenblick sah Lotte-Beck zurück. Der Akziser war hinter ihm her.

"Der muß gefaßt werden, der hat kein sauberes Brusttuch!" solches oder ähnliches ging dem Akziser durch den Kopf. Im leichten Jogging-Schritt nahm er sofort die Verfolgung auf.

Am Falkeneck konnte er noch sehen, wie Lotte-Beck in die Martinstraße einlenkt. "Irreführung von Dienstpersonen!", dachte der Akziser und rechnete sich schon aus, für wieviel Jahre der Delinquent vom Wein auf Wasser wechseln würde. Vom Jogging-Schritt fiel der Akziser in einen flotten Spurt.

Doch der Lotte-Beck schlug einen zweiten Haken, links schwenkte er in die Ratskellerstraße, weiter rechts ab in die Friedrichstraße, danach die Kapellenstraße hinunter, hinter dem Früh-Naz in die enge Mittelgasse hinein, zwischen Geiser- und Huber-Franz mittendurch zur Spitalstraße und in dieser weiter Richtung Hauptstraße. Der Akziser, durchschwitzt und außer Atem immer hinterher. "Dieser schlitzohrige Talbauer, wart nur mein Lieber - dich kriegen wir auch noch". Originalton Akziser.

"So pressiert hat`s aber schon lange nicht mehr, ob der Lotte-Beck mal muß?" Originalton Brauner.

Am Ende der Hauptstraße Kehrtwende, links am Adler und rechts am Engel vorbei. Bei der Insel Helgoland (Gasthaus am Stadtgarten) roch der Braune bereits die vertraute Stalluft. Ohne großes Zureden fiel der Braune in einen scharfen Trab. Er peitschte mit seinem Schwanz, furzte genüßlich und fegte mitsamt dem Dielenwagen die Kronengasse hinauf, in die Lotte-Becksche Hofeinfahrt hinein.

Gustav, der Knecht des Lotte-Becks wartete schon auf die Heimkehrer. Rasch war der Braune ausgeschirrt und im Stall versorgt, da kam, ein Schatten seiner selbst, der Akziser in den Hof gestürzt.

"Wein, Wein", keuchte er während seine glühenden Augen erblickten, wonach er lange gesucht hatte.

"Keine Steuern bezahlt, sicher ist da Wein auf dem Wagen!" diese Äußerungen bereits wieder im schroffen, allseits bekannten Akziser-Ton.

"Guede Tag. Und ob da Win drinnee isch!" meint drauf der Lotte-Beck. Langsam greift er in seine Taschen. Nichts zu finden - oder doch? Als letztes sucht er in seiner Westentasche und fördert einen arg zerknitterten Zettel ans Licht auf dem durch Amtssiegel bestätigt ist, daß der Lotte-Beck aus Achern die Steuern für die zwei Fässlein Wein auf Heller und Pfennig bezahlt hat.

Diesen Zettel zeigte er dem Akziser, worauf der so schnell wie er hergerannt ist auch wieder zurückrannte.

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